Anstehender Versuch 50+1 Regelung zu kippen !!!

Alles, was nicht in die anderen Kategorien passt (Registrierung erforderlich)

Moderator: Eckart Lukarsch

Antworten
Schlagge
Beiträge: 3189
Registriert: 24. Mai 2007, 17:39
Wohnort: An der Fulle
Kontaktdaten:

Anstehender Versuch 50+1 Regelung zu kippen !!!

Beitrag von Schlagge » 1. Feb 2009, 19:36

Ein besorgniserregender Artikel aus der Zeitschrift Stern vom 29.01.2009:
Klassenkampf

Ausgerechnet in der Wirtschaftskrise probt ein Bundesligaklub die Revolution - und will den Fußball für Investoren öffnen. Bei vielen Rivalen geht die Angst um, dass sich auch in Deutschland das Spiel dem Großkapital ausliefert.

Es ist fast nicht zu glauben, aber er meint das ernst. "In der Bundesliga wird die Krise nicht im großen Stil einschlagen", sagt Wolfgang Holzhäuser. Die weltweite Wirtschftskrise, vor der sie in Italien zittern und in Frankreich, die gar die große Premier League in England schüttelt - sie soll den deutschen Fußball kaum treffen? Allenfals ein paar Logengäste und Kleinsponsoren könnten sich von Deutschlands erster Liga abwenden? Holzhäuser, Geschäftsführer von Bayer Leverkusen, lehnt sich entspannt zurück. Er sagt: "National sind wir gut aufgestellt."

Ob in Stuttgart, Frankfurt oder Bielefeld, in fast allen Vereinen erntet man ein Schulterzucken, wenn man nach der Angst vor dem Absturz fragt. Die Lage sei ernst, aber kein Grund zur Panik. Eine ganze Branche scheint im Auge des Wirbelsturms zu sitzen, immun gegen dessen zerstörerische Kraft. Man würde sich kaum wundern, wenn demnächst der FC Bayern der taumelnden Hypovereinsbank aushälfe, statt Geld vom Werbepartner zu erhalten.

Es könnte so schön sein.

Doch wenn am Freitag mit dem Spiel des Hamburger SV gegen den FC Bayern die Rückrunde beginnt, herrscht in der Bundesliga alles andere als Einigkeit. Selten zuvor in ihrer 35-jährigen Geschichte hat die Konkurrenz jenseits des Rasens so hart miteinander gefochten. Nicht weniger als ein Klassenkampf ist ausgebrochen, und ausgelöst haben ihn ausgerechnet jene drei Mannschaften, die in der Hinrunde attraktiven Offensivfußball vortrugen: 1899 Hoffenheim, Bayer Leverkusen und der VfL Wolfsburg. Die Teams besetzten die Tabellenplätze eins, fünf und neun, stehen erst am Anfang ihrer Entwicklung, wollen möglichst schnell in die Champions League. Selbst Leverkusen, eigentlich längs etabliert, wird plötzlich wieder als Gefahr wahrgenommen. Denn mit der Qualifikation zu europäischen Topwettbewerb würden die Klubs erfolgsgewöhnten Rivalen wie Werder Bremen Einnahmen in Höhe von mindestens 20 Millionen Euro wegschnappen. Ein mächtiger Batzen wäre das, und für manche Vereinsbosse eine ziemliche Ungerechtigkeit.

Sie ärgern sich, weil da Teams mit Macht und Ausdauer nach ganz oben drängen, die vom VW-Konzern (Wolfsburg), vom Chemieriesen Bayer (Leverkusen) oder von SAP-Gründer Dietmar Hopp (Hoffenheim) alimentiert werden. Sie fürchten, von der Potenz der Hochfinanz erdrückt zu werden. Und denken nicht daran, schweigend zuzuschauen. "Stellen Sie sich vor, auch Wolfsburg und Hoffenheim kommen in die Champions League, das wünscht sich keiner ernsthaft für die Bundesliga", sagt Eintracht Frankfurts Vorstandsvorsitzender Heribert Bruchhagen. Der Dortmunder Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke warnt, das Trio mit den Großressourcen werde auf Dauer allenfalls noch Bayern München fürchten. Traditionsklubs wie Schalke, Dortmund, Hamburg oder Stuttgart, "die ihr Geld sauer verdienen", hätten dann keine Chance mehr auf eine Champions-League-Platzierung. "Aber welche Vereine", fragt Watzke, "sorgen denn für den Boom in der Liga? Wo sind die Stadien voll? Wo kochen Emotionen? Wo verkauft das Fernsehen seine Abos, verdient es das Geld, das es den Klubs bezahlt?" Watzke, 49, findet, alte Schlachtrösser wie seine Borussia müssten vor Klubs wie Leverkusen und Hoffenheim geschützt werden. Er ist dafür, dass Traditionsvereine einen größeren Teil der TV-Gelder kassieren. Bislang werden die nach Erfog verteilt. Hamburgs Vorstandschef Bernd Hoffmann sieht "die Gefahr, dass die Liga zu einer Konzernliga wird. Wir müssen die Wettbewerbsfähigkeit der großen Vereine wahren".

Der Klassenkampf ist in vollem Gange

Von jeher verbieten die Statuten der Deutschen Fußball Liga (DFL) den Vereinen, ihre Macht in die Hände fremder Geldgeber zu legen. Doch überall sonst in Europas Spitze ist dies anders. Während etwa in England Klubs wie Gebrauchtwagen erworben und wieder verhökert werden, ist es Bundesligisten nicht gestattet, eine Mehrheit der Anteile an Unternehmen, Hedgefonds, oder Privatpersonen zu verkaufen. Das sogenannte 50+1-Gesetz, nach dem 51 Prozent des Klubvermögens im Besitz des Vereins bleiben müssen, verbietet dies. Auch Borussia Dortmund, einzige Aktiengesellschaft in der Bundesliga, ist mehrheitlich in Klubhand. BVB-Boss Watzke findet, dass Wolfsburg, Leverkusen und Hoffenheim die Regel "legitimiert außer Kraft setzen". Ein Kollege, der den offenen Konflikt noch scheut, spricht mit Blick auf Hoffenheim gar vom "Sündenfall schlechthin": ein gewöhnlicher Verein, bei dem de facto ein Mäzen die Kontrolle ausübt. Über Leverkusen und Wolfsburg allerdings, beide in Konzernhand, das gibt der Funktionär zu, könne sich niemand beschweren. "Wir haben alle gemeinsam vor Jahren beschlossen, dass die mitspielen dürfen."

Einer, der jetzt die Revolution will und sie bereits anführt, ist Hannovers Präsident Martin Kind; der Hörgerätefabrikant plant, die 50+1-Vorgabe zu kippen. Nur mit frischem Kapital, sagt Kind, 64, könne sein Verein Topstars verpflichten - und so endlich mal dem ewigen Abstiegskampf entfliehen. Dass Traditionsklubs wie Borussia Dortmund oder auch Schalke 50+1 nicht abschaffen wollen, schreckt Kind nicht: "Ich habe den Eindruck, dass solche Vereine die Klassengesellschaft zementieren wollen. Wir aber wollen nicht nur Staffage spielen."

Die Angst, der Fußball werde wie in England zum Spekulationsobjekt für russische Milliadäre oder Scheichs, teilt er nicht. Kein Verein könne schließlich einfach so feindlich übernommen werden, "jeder entscheidet selbst, wem er sich anvertraut". Bei Hannover 96 stünden bereits Geldgeber aus der Region bereit. Weitere Sponsoren denken laut Kind darüber nach, ihre Einlagen zu erhöhen. Einfluss auf die sportlichen und wirtschaftlichen Geschicke fordern die Investoren jedoch. Wer Millionen bereitstellt, will mitmischen.

Einige Wochen bleiben Kind, um bis zur nächsten DFL-Versammlung bei den 35 anderen Profivereinen für seine Sache zu werben. Um den Gegnern eine Brücke zu bauen, schlägt er einen Kompromiss vor: Er will 50+1 abschaffen, gleichzeitig aber jedem Investor strenge Auflagen machen. Nur langfristige Engagements sollen gestattet und damit Spekulanten abgeschreckt werden. Ein strenges Prüfungsverfahren ist angedacht. Seine Bonität muss das Unternehmen nachweisen, geht es in die Insolvenz, fallen seine Einlagen an den Verein zurück. Mindestbeträge sollen verhindern, dass sich Klubs unter Wert verkaufen.

In der Bundesliga sind dem Vernehmen nach Hertha BSC Berlin und Eintracht Frankfurt an Mehrheitsbeteiligungen von Großunternehmen interessiert. Auch die Zweitligisten 1860 München, Wehen und Ingolstadt sind Kandidaten. Hartmut Zastrow, Chef des Forschungs- und Beratungsunternehmens "Sport und Markt", schätzt, dass die Hälfte der Erstligisten im Falle neuer Statuten über andere Besitzverhältnisse nachdenken würde. "Und ich glaube sofort, dass auch ein Markt für die da ist. Käufer zu finden wird kein Problem sein." Christian Schneider von der Deloitte & Touche stimmt ihm zu: "Es gibt sicherlich Unternehmen aus der Finanzbranche, die einen Deal im Fußballmarkt finanzieren wollen." Den potenziellen Investoren gehe es dabei weniger darum, eine hohe Rendite aus ihrem eingesetzten Kapital zu erzielen, sondern vielmehr über den sportlichen Erfolg zum Beispiel ihr Image zu verbessern.

Es mutet paradox an, dass sich der Fußball auf der Suche nach Geldquellen ausgerechnet jetzt einem Kapitalmarkt anvertrauen will, von dessen Krise er derzeit verschont bleibt, weil er sich zuvor eine Öffnung versagt hatte. Beim Marktführer England drohen Traditionsklubs wie West Ham und Newcastle mit den Verlusten ihrer Kapitalgeber ins Abseits zu schlittern. Nur ein astronomischer TV-Vertrag und hohe Eintrittspreise sorgen im internationalen Vergleich noch für einen Vorteil der Spitzenvereine Manchester, Liverpool und Chelsea.

Öffnet nun auch der deutsche Fußball Investoren ganz die Tür, könnte das gewaltige Folgen haben.

Wenn die Konkurrenz neue Stars verpflichtet, müsste jeder Manager ebenfalls neues, teures Personal kaufen, um im Wettbewerb mitzuhalten. Gerade kleine Klubs wären versucht, sich in der Not windigen Anlegern in die Arme zu werfen. "Das gäbe ein Rattenrennen, und am Ende würden Vereine wie Hannnover wieder dort stehen, wo sie jetzt stehen", warnt Schalkes Geschäftsführer Peter Peters, der auch Vizepräsident der DFL ist. "Wir hätten dann eine Kapitalisierung des Fußballs, die uns an die Grenze der Glaubwürdigkeit unseres Sports bringen würde." Peters ist sich sicher: "Wir machen damit die Büchse der Pandora auf." Aus der kam bekanntlich alles Unheil dieser Welt.

Die Gefahr ist in der Tat groß, dass am Ende Profis und Berater ihre Taschen noch praller füllen, während die Klubs Schuldenberge anhäufen, wie sie heute bereits in England, Italien und Spanien zu beklagen sind.

In Leverkusen und Wolfsburg hoffen sie dennoch, dass die Schranken bald fallen, schon um endlich selbst nicht mehr als kalte Konzernwalzen zu gelten. "Das 50+1-Gesetz wird nicht dauerhaft bestehen bleiben", glaubt Leverkusens Wolfgang Holzhäuser, der eine Öffnung unter Auflagen anstrebt: "Es geht nicht um das Ob, sondern um das Wie." Felix Magath, Trainer und Manager in Wolfsburg, ist "grundsätzlich gegen Reglementierungen. Der Markt regelt das". Stimmt er den Dortmundern zu, die ihn dank VW im Vorteil sehen? Magaths Stimme wird lauter. "In der Liga hat doch jeder andere Voraussetzungen. Bei Dortmund gehen jede Woche 80.000 ins Stadion, bei uns nicht mal die Hälfte. Ich fordere ja auch nicht, dass die uns die Differenz der Einnahmen überweisen." Eine wirkliche Wettbewerbsgleichheit könne es ohnehin nicht geben.

Hoffenheims Manager Jan Schindelmeiser hat "nichts gegen eine Öffnung". Der Klub wird sich allerdings in der Diskussion zurückhalten. Man trage alle Entscheidungen mit, erklärt Jochen Rotthaus, Geschäftsführer des Vereins. Auch der große FC Bayern hätte kein Problem, Großinvestoren in der Bundesliga zuzulassen, zehn Prozent der Anteile hat man 2002 bereits für 77 Millionen Euro an Adidas verkauft - für sich selbst lehnt man eine Übernahme allerdings ab. Die Münchner haben sich in die Vereinssatzung geschrieben, dass alle Mehrheit bei den Mitgliedern liegen muss.

Ob sich unter den 36 DFL-Klubs sofort die notwendige Zweidrittelmehrheit findet, um das Gesetz zu kippen, ist fraglich. Der Vorstand des Ligaverbandes hat sich bereits offiziell gegen jede Änderung ausgesprochen. Präsident Reinhard Rauball warnt: "Der Solidaridätsgedanke könnte infrage gestellt werden, wenn Gruppierungen in den Profifußball drängen, die vor allem Gewinn abschöpfen wollen. Das könnte die Zweite Liga besonders treffen, sie wird durch die Zentralvermarktung beim Fernsehvertrag von der Ersten Liga subventioniert. Es ist zweifelhaft, ob ein Investor Interesse an der Zentralvermarktung hat." Auch zwei Drittel der Deligierten aus dem Amateurlager müssten auf dem Bundestag des Deutschen Fußball-Bundes für die Änderung votieren. Die stehen der Kommerzialisierung des Sports traditionell skeptisch gegenüber.

Sollte die Liga sich sperren, droht Hannovers Martin Kind bereits unverhohlen, vor Gericht zu ziehen. Mit Hilfe des prominenten Sportanwalts Christoph Schickhardt würde er sofort Klage einreichen: "50+1 behindert die Freiheit des Kapitalverkehrs und das Recht jedes Beteiligten zur Nutzung seines Entwickungspotenzials", sagt Schickhardt. "Es muss gelingen, vorhandenes Geld in die Bundesliga fließen zu lassen. Wenn einer bereit ist, in den Fußball zu investieren, muss er es in Deutschland tun." Die Chancen einer Klage stünden gut, suggerieren Rechtsgutachten. Dass ein Rechtsstreit sich womöglich über Jahre hinzieht, schreckt Kind nicht. "Ich hoffe, dass wir zügig zu einer Entscheidung der Vernunft kommen."

Für manchen klingt das wie eine Drohung.
Quelle: Zeitschrift Stern (Druck)
(Artikel online leider nicht verfügbar)
Diesen Artikel habe ich abgetippt, daher bitte ich eventuelle Tippfehler zu entschuldigen. :D
Bild
♥ ♥ ♥ Red White Stars 1982 ♥ ♥ ♥

KSV-Jens
Beiträge: 2577
Registriert: 16. Mai 2002, 02:00

Re: Anstehender Versuch 50+1 Regelung zu kippen !!!

Beitrag von KSV-Jens » 1. Feb 2009, 22:52

Schlagge hat geschrieben:Diesen Artikel habe ich abgetippt, daher bitte ich eventuelle Tippfehler zu entschuldigen. :D
Keine Sorge, Magath wird sofort dementieren, was Du ihm in den Mund gelegt hast. :lol:

Fürwahr ein interessanter Artikel. Das Thema wird die Zukunft mitbestimmen.

Antworten